Biathlon Event


Aktuelles Golfclub Marhördt

Ein Bericht der Backnanger Kreiszeitung:

 

Biathlon zum Reinschnuppern war am Sonntag beim Golf-Club Marhördt geboten: Rolf Hettich hatte eine Schießanlage auf der Driving Range aufgebaut und eine Loipe präpariert. Rund 25 Kursteilnehmer machten sich mit Gewehr und Langlaufskiern auf die Spur, den Reiz des Biathlon zu finden. Allgemeiner Tenor: So herausfordernd hatte sich keiner diese Sportart vorgestellt.

An der Schießbude am Straßenfest reichen die Künste am Gewehr maximal für eine Plastikrose. Den Hauptgewinn – einen überdimensional großen Plüschteddy oder ähnlich geartete Scheußlichkeiten – ergattern immer die anderen. Und jetzt also Schießen auf Scheiben mit einem Durchmesser von mickrigen 11 Zentimetern, die sich in 35 Metern Entfernung befinden? Und das Ganze auch noch nach ein paar Hundert Metern Langlauf, die Kreislauf und Atmung auf Hochtouren bringen? Die Stirn legt sich in Falten. Die Skepsis ist groß. Die Neugier aber auch. Letztere siegt. Sie siegt bei etwa 25 Biathlon-Neulingen, die sich am Sonntag auf der Driving Range des Golfclubs Marhördt einmal ausprobieren wollen auf Skiern und im Schießstand; die den Reiz und die Herausforderung des Biathlon nachfühlen wollen.

Routiniers auf Langlaufbrettern sind einige dabei beim Workshop, den Rolf Hettich aufgrund der günstigen Wetterbedingungen mit Schnee und Kälte kurzfristig organisiert hat. An den Gewehren dagegen sind sie alle Anfänger. Dementsprechend steht die Einweisung in die Anschütz-Lasergewehre und die Schießanlage am Anfang. Haben die Athleten bei Olympia oder im Weltcup Magazine mit viermal fünf Schuss zur Verfügung, ist das Magazin hier auf „endlos“ eingestellt, ein Nachladen nicht nötig. Das ist auch gut so angesichts unendlich vieler Fehltreffer an diesem Tag. Statt in 50 Metern Entfernung, wie in echten Wettkämpfen, sind die Zielscheiben nur 35 Meter von den Schützen entfernt – und trotzdem oftmals immer noch zu weit weg, als dass sie die treffen könnten. Der Rest ist aber wie beim Biathlon im Fernsehen. Die Waffen sind Original-Biathlongewehre. Sie wiegen rund drei Kilogramm. Bei einem Treffer sorgt die Lasertechnik dafür, dass die Scheibe umklappt. Es ertönt ein Treffergeräusch – täuschend echt wie bei einer Kugel. „Als ich meine neue Anlage bei mir daheim im Garten ausprobiert habe, ist gleich die Polizei gekommen“, erzählt Rolf Hettich, ehemaliger deutscher Staffel-Vizemeister im Biathlon, eine Anekdote zum Treffersound.

Die Nerven kommen dazu, wenn beim Shootout zwei Schützen gegeneinander antreten

Dann geht’s los in den drei Ständen, auf die sich die Teilnehmer aufteilen: Hinlegen. Das Gewehr aufs Stativ setzen. Das linke Auge schließen. Mit dem rechten Auge durch den Sucher das Ziel anvisieren. Abdrücken. „Yeah“, jubeln die anderen Kursteilnehmer bei einem Treffer. Mitleidiges „Ohhh“ ertönt, wenn der Schuss daneben geht. „Ohhh“ überwiegt. Erste Zweifel kommen auf. „Das Gewehr ist kaputt, das trifft nichts“, sagt Nick, die zu einer Vierer-Langlauf-Clique aus Schorndorf und Ludwigsburg gehört. Jetzt das Ganze im Liegen, aber ohne das Gewehr aufzustützen. Versuch, um Versuch, um Versuch. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig ist“, gibt Cliquen-Kumpel Dirk zu. Und schließlich das Ganze im Stehen. „Die Beine hüftbreit auseinander, den Gewehrkolben sauber an die Schulter legen, den Ellenbogen des linken Arms auf der Hüfte aufstützen“, erklärt Hettich die korrekte Körperhaltung. Erschwerte Bedingung: Es windet. Das lässt den Lauf wackeln. Wieder Versuch, um Versuch, um Versuch. „Jetzt weißt du, warum es mit dir bei der Luftwaffe nichts geworden ist“, zieht Chris Gebbi, den vierten im Bunde, auf. Nächster Schwierigkeitsgrad: Shootout, Wettkampfsituation. Zwei Schützen treten gegeneinander an. Wer zuerst fünf Treffer hat, gewinnt. „Da kommen die Nerven dazu, merkst du’s?“, fragt Hettich einen der beiden Kontrahenten.

Fehlt noch die letzte, aber entscheidende Komponente zum Biathlon: Der Langlauf. Also Skier an die Füße schnallen, mit Doppelstockeinsätzen anschubsen, gleitende Skating-Bewegungen mit den Beinen. Die rund 500 Meter lange Loipe, die Hettich auf der Driving Range präpariert hat, ist in Angriff genommen. Erst sanftes Gefälle, dann eine mit bloßem Auge kaum wahrnehmbare Steigung. Weg ist der anfängliche Schwung. Herz, Puls, Atmung, alles kommt in die Gänge. Zurück an der Schießanlage sind alle Stände belegt. Also noch ne Runde Langlauf – Strafrunden für missglückte Schüsse stehen ohnehin genügend auf dem Konto. Herz, Puls, Atmung sind auf Hochtouren. Durch die wenigen Zentimeter Schnee spitzen immer wieder mal Golfbälle durch. Ach ja, das wäre im Moment sicherlich die gemütlichere Sportart. Aber wer will es hier heute schon bequem? Auf Skiern sprinten, schnaufen, schießen ist schließlich spaßig. Den Reiz des Biathlon gilt es aufzuspüren. Auf vor Anstrengung wackeligen Beinen und mit einem leichten Schleier vor der Optik vom ständigen Augezukneifen ist er dann auch gefunden: Die Extreme – enorme Belastung einerseits gefolgt von zielsicherer Präzision andererseits – das ist das Spannende und das Schwierige am Biathlon. Am Schluss sind sich jedenfalls alle einig: Vor dem Fernseher will künftig niemand mehr über vermeintlich schwache Leistungen der Profi-Biathleten schimpfen.

 

Quelle: Backnanger Kreiszeitung / 27.02.2018 / Nicola Scharpf


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